Hans Peters aus dem Tagebuch und über seine Zeichenkunst

Hans Peters:

Aus den Tagebüchern

Mitten im Winter, in der Starre des Frostes geschieht es, daß eine Ahnung des Frühlings jäh den Sterblichen anfällt. Hungrige Möwen gleiten gegen den eisigen Ost vor dem Fenster, dessen Fugen notdürftig schließen, gedichtet mit Decken. Sie verwandeln sich eilig in Schmetterlinge. Strahlend kränzt sich der Himmel rosig über der duftenden Erde, die dem finsteren Gotte des Krieges zum Hohn Lasten von blumigem Schnee in schwarzes Geäst wirft und Strudel von Blüten über Hügel und Auen verschwendet. Vögel tanzen im Gras. Wonnig im Winde schwanken Wipfel des Bergwalds. Wie ist es möglich? (1945)

Nur einem Mädchen konnte der Zauber gelingen! Sie schreibt, in ihrer Baracke ständen Zweige im Krug, von der Kirsche. Und wenn sie erst blühten, käme ein Ästchen zu mir. Wie es dem Künstler zuweilen gelingt, mit wenigen Mitteln die Gebärde des Schmerzes oder der Freude zu treffen, also verwandelt das wohlgewachsene Kind mit einem Setze die Welt. Eben quarrten noch Krähen doch nun flöten metallische Stare, Finken rufen verliebt und Tauben gurren vom Dache. (1945)

 

Hans Peters

über seine Zeichenkunst

Vielleicht liegt das Künstlerische in einem tiefen Verpflichtet sein zur Dankbarkeit. Aus Rache formen? Der Form wegen? Die Liebe ist das Fundament jeder Erkenntnis; je tiefer ich mich im Anschauen verliere, umso sicherer finde ich mich.

Es ist alles Porträt, im Sinne verdichteter Wahrheit... Nichts ist leichter als das andere. Warum sollten die Kanten eines Kinns genauer beobachtet werden als die eines Steinblocks? Der liebe Gott wohnt zunächst in der Einzelheit. Nur wer vor der Neigung des einzelnen Halms Respekt hat, wird die Wiese oder das Feld als Ganzes bewältigen lernen. Das Wesentliche enthüllt sich dem Flüchtigen nicht...

Es ist eine Stille und Abseitigkeit in den Landschaften... Es bedürfte keiner Namengebung. Das einfache Beieinander von Hecke und Feld, Waldrand und Wiese, Ufer und Gewässer ist überall. Sandgruben und Steinbrüche ermöglichen hier wie anderswo die Anschauung unausstaunlicher Gelegenheiten.

Nie genug tut sich die Feder am Spiegelbild klarer Gewässer, trübem Schein brackig, schilfiger Tümpel, Geplätscher um Block und Geröll, Hege, Pfähle; Kähne am Gestade mit unbewegtem Abbild oder bebend nachzeichnender Welle locken mit Inbrunst. Auch die Decke des Schnees. Bevorzugt zeigt sich die Frühe des Frühlings, sei es im Bruch oder um Ostern im Wald, und immer führen Wege ins Bild und im Raum.

(Von der Zeichenkunst, 1940)

 

Die niederdeutsche Landschaft wird im Sinn verdichteter Wahrheit porträtiert... Ist der Schauende einmal gebannt, vom saugenden Zug der Wege und Knicks in die Tiefe, so fesselt ihn später das Weben des Lichts über Wald und Weg. Reizt ihn heut' die Deutlichkeit des Vordergrundes, so spürt er morgen die Zartheit der dunstigen Ferne auf. Hat er im Vorfrühling spiegelnde Nässe des Bodens und feinstes Geäst verfolgt, dann nehmen im Sommer heiße Krume und volle Wipfel seine „brennend verdichtete Aufmerksamkeit" in Anspruch. Der Wechsel der Jahreszeiten, Winddruck und Regen, Nebel und Schnee, Mondschein und Sonnenuntergang wandeln die Aussicht.

Meine Bäume, Wasser und Wege verlangen gar nichts von mir. Mich verlangt, sie völlig in mich aufzunehmen. Sie so zu zeichnen, daß anständige Augen auch nach vierhundert Jahren noch gern auf meinen Blättern, angeleuchtet von der Lebenswärme ihrer sachlichen Beseelung, in der Fülle ihrer Einzelheiten spazieren gehen und dabei die Ruhe der Gesamtwirkung zu kosten wissen.

Zwei Dinge wurden nie angestrebt, das bloß Dekorative und das Monumentale.

(Erzählung meines Lebens, 1946)

 

Wie im Leben sind auch in der Kunst Reichtum an Einzelheiten und Ruhe der Gesamtwirkung ein Zeichen von Rang.

Das Akademische mancher Blätter liegt in ihrer schlichten Sachlichkeit und der artigen Vortragsweise. Zeitlose Technik kann sich nicht jeder leisten, und künstlerische Äußerungen sind umso gefährlicher, je persönlicher und befremdender die Zeichen sind, mit denen sie sich bemerkbar machen. Goethe, Keller und Stifter haben nur die Vokabeln benutzt, die alle brauchen. Aber es scheint, als sei bei ihnen die(se) statt einer billig verbeulten Mundharmonika plötzlich ein kostbares Instrument.

(Skizzen und Glossen, 1950)

 

Hans Peters:

Für die Eröffnung einer Imaginären Ausstellung (Januar 1960)

 Hängen neben Arbeiten, die nach der Natur entstanden sind, andere, die sich den heut üblichen Tänzen mit der Muse angleichen, dann erbaut sich das Auge an der Dehnung des Talents. Hier noch respektabel respektierte Gegenstandsform, einer Natur abgelesen, die ja auch die Mutter aller Ketzereien in der Kunst ist, dort Metamorphosen, Variationen über schon beruhigte Erinnerungen an Gefühlserlebnisse, die bei ihrer Formung die beunruhigende Lust des damals Erlebten übersteigen können. —

Der Satz von Sebald Schwarz „Das Leben besteht aus unbequemen Forderungen, und man wächst nur durch Überwindung von Schwierigkeiten, die aus der eigenen Seele stammen", erfährt seine Steigerung, wenn es sich um ein Leben für die Kunst und durch die Kunst dreht. Meine Märchen-Existenz gestattet mir, das Publikum nicht zu behelligen, über meinen Perlen wie ein Drache zu liegen und sie — wenn schon — nur ungern den Agenten unseres Feuilleton-Zeitalters auszusetzen. Je reste dans mon rang.

Die Ausstellung selber möchte ich als „Spiel der Wandlungen" oder als „meine Sammlung" bezeichnen. Was ist, fragt Picasso, ein Maler im Grunde? Er ist ein Sammler, der sich dadurch eine Sammlung schaffen will, daß er die Bilder selber malt, die ihm bei andern gefallen. So, fährt er fort, fange ich an, und dann wird es etwas Anderes. Ich studiere die oft dunklen Rezepte derer, denen der Sprung über den Graben der Natur ins gelobte Land der Kunst gelang, so lange, bis sie sich als leserlich herausstellen. Auf dem eigenen Feuer wandeln sie sich, ohne die Herkunft aus der Fremde zu verleugnen. Wenn Sie also beim Betrachten auf ehrenvolle Assoziationen stoßen, dann nehmen Sie diese Entdeckung eben als meinen Dank an die, deren Fleiß meinen eigenen befruchtete.

Narr auf eigene Faust? Viel lieber grand profiteur und Liebhaber, den es langweilen würde, immer nur echte Peters in die Welt zu setzen. Um weiterzukommen, muß man das machen, was man noch nicht kann. „Die Moral in der Kunst besteht in der vollkommenen Handhabung unvollkommener Mittel" (Wilde). Mein außerordentliches Verfallensein der weiblichen Materie gegenüber schließt gemeine Formung aus - mögen die Themen auch oft einer Welt von Leidenschaft entnommen sein, die heute ohne Lendenschurz genossen wird. Damit habe ich nun zur Genüge sozusagen meine Pinsel vor Ihnen gewaschen. Im Traum letzt stand ich vor meinem eigenen Grab. Auf dem Stein stand. Es gelang ihm, dem Ruhm aus dem Wege zu gehen".

 

Hans Peters

über einzelne seiner Zeichnungen (1963)

 

Dies nun ist das PORTRÄT MEINES VATERS IM SARG. Er ist gestern vor 27 Jahren gestorben. Die Kunst ist dann ein großer Trost. Die Sehnsucht, das Antlitz eines geliebten Menschen zu treffen, das, die irdi­sche Ähnlichkeit schon löschend, endgültig Befriedete festzuhalten, löscht die Trauer aus und erfüllt den Zeichner mit tiefer Ver­wunderung, ein so unbeweglich stillhalten­des Modell mit Ehrfurcht betrachten zu dür­fen.

MUTTER: Es gibt berühmte Mütterbildnisse. Die großartig rücksichtslose Kohlezeich­nung von Dürer, die Radierung Rembrandts, das Porträt von Whistler. Vater war eben gestorben, und Mutter las in der Bibel, Die entzückende junge Frau von einst ist nach langer Ehe nun vereinsamt. Nur, wer ihr Gesicht einmal geduldig durchgezeichnet hatte, einen Monat lang jeden Tag eine Stunde, konnte hier mit zählbaren Strichen das Wesentliche so notieren, daß das Zei­chen im Bezeichneten verschwindet, daß das Zeichnen zum Weglassen wird. Diese hochgezogene, von uns aus gesehen linke Braue, Sie finden sie wieder im Selbstbildnis des Sohnes, 55 Jahre alt, über das Ähnliche hinaus den Begriff des Augenmenschen fest­haltend, die Sammlung im Brennpunkt des jeweilig Fixierten.

 

Die STUDIE EINES MAISKOLBENS — er stammt aus Schlesien — beweist, daß die Kontaktaufnahme mit einer fremden Welt ein Inniges bedeutet, ein Eindringen bis zur Selbstverwechslung, damit das entsteht, was man Stil nennt und was immer eine ein­malige und vollkommene Verschmelzung des Persönlichen mit dem Sachlichen ist. Die Fruchtfülle der prallgepackten Maiskörner—solche Reihung macht beim Zeichnen die­selben Schwierigkeiten wie die Ziegel­schichtung eines Daches — dazu die papier­dünn-rohgewordene Verzweiflung der dra­matisch zuckenden Hüllen. Ohne die Dunkel­heit hier und die Betonung da wäre das Blatt unvollkommen.

 

Daß ein deutscher Zeichner TOTENTÄNZE komponiert, wird Sie kaum erstaunen: Als Junge mußte ich am späten Abend den Weg über den Friedhof nehmen. An der Pforte feixte ein Frisör vor seinem geschlossenen Laden, deutete auf den grabdunklen Schat­ten der Friedenskirche: „Siehst du sie tan­zen?" Daß die Tanzstunde der Toten erst um Mitternacht beginnen durfte, vergaß ich, stapfte mutig und sehr langsam bis zur Kir­che, hatte sie aber kaum im Rücken, als ich losfegte wie im Geistergalopp. Zurück machte ich einen Umweg. Derlei Dinge aus der verlorenen Zeit geben nicht eher Ruhe, bis sie geformt sind.